Der Junge und das Mädchen wollten einfach nur von A nach B kommen. Von La Fortuna nach Poasito dauerte es mit dem eigenen fahrbaren Untersatz nur etwa zwei Stunden. Doch sie hatten keinen eigenen fahrbaren Untersatz und mussten sich somit der Busse bedienen.
Das Problem: Es gab keine Buspläne. So ziemlich nirgendwo. Nur gelegentlich konnten sie über ihre mobilen Endgeräte herausfinden, wann ungefähr ein Bus fahren sollte. Das Problem dabei war: Sie konnten es nur herausfinden, wenn sie die Anfangs- und Endstationen des jeweiligen Busses wussten. Zwischenstationen wurden nie angezeigt und schon gar nicht die Uhrzeiten, wann die Busse dort waren.
Über ihre Unterkunft erfuhren sie, dass ein Bus morgens um 9 Uhr von La Fortuna nach San Ramón fuhr. Dort mussten sie innerhalb der Stadt nochmal umzusteigen, um dann von dort mit dem nächsten Bus zum Flughafen San Josés, Alajuela, zu fahren. Von dort fuhr scheinbar ein Bus nach Fraijanes, dem Ort neben ihrem kleinen Poasito. Von dort würden sie da schon irgendwie hinkommen. Soweit der Plan.
Der Bus fuhr pünktlich in La Fortuna los. Und er fuhr sogar nicht nur nach San Ramón, sondern sogar an den Ort, von wo aus sie direkt nach Alajuela fahren konnten! Sie sparten sich also einmal umsteigen.


In Alajuela fanden sie einen Bus, der nach Poás fuhr.
„Perfekt!“, sagten sie. „Poasito liegt ja direkt am Vulkan Poás! Sogar noch kurz davor, sodass er dort sicher durchfährt!“ Somit konnten sie auch das Umsteigen in Fraijanes überspringen. Dachten sie.
Selbstbewusst stiegen sie in den Bus nach Poás, aber als sie dem Busfahrer „Poasito“ sagten, schüttelte er den Kopf. Da würde er nicht hinfahren. Aber der Ort war doch direkt am Vulkan Poás! Er schüttelte nochmal den Kopf und sagte, sie sollten nach Aulares fahren. Wo war das denn schon wieder?? Der Bus würde am Ende des Terminals fahren. Sie bedankten sich und machten sich auf den Weg zum anderen Ende des Terminals.
Dort fanden sie aber nichts, was auf „Aulares“ hinwies und auch ihre mobilen Endgeräte brachten keine Klärung. Also fragten sie eine einheimische Dame, welcher Bus denn nach Poasito führe. Sie zeigte auf den Bahnsteig, an dem sie gerade auch zufällig standen.
Während sie so warteten, fiel ihnen auf der Anzeige über ihnen auf, dass dort zusätzlich zum Ort „Fraijanes“ (dem Ort vor Poasito) auch „Jaulares“ geschrieben stand. Das hatte der Busfahrer gemeint! Er hatte nicht „Aulares“, sondern „Jaulares“ gesagt. Und nach kurzer Recherche wussten sie auch, dass Jaulares wahrscheinlich die gleiche Station wie „Fraijanes“ darstellte.
Während sie warteten, fanden sie heraus, dass der Bus, der nach „Poás“ fuhr und sie abgewiesen hatte, auch allen Grund dazu gehabt hatte. Obwohl Poasito am Vulkan Poás lag, gab es noch einen weiteren Ort mit dem Namen Poás, der in einer anderen Ecke lag. Sie wären also tatsächlich an einem falschen Ort herausgekommen.
Als der Bus, auf den sie gewartet hatten, schließlich kam, stiegen sie ein und fuhren mit. Der Busfahrer hatte bei „Poasito“ genickt. Alles war gut. Doch der Bus fuhr nicht nach Poasito, sondern tatsächlich nur bis Fraijanes.
„Gibt es einen Bus nach Poasito?“, fragte das Mädchen den Fahrer an der Endhaltestelle. Der hielt nur die mit fünf Fingern ausgestreckte Hand hoch und sagte etwas. Ob es „fünf“ oder „fünfzehn“ war, konnte das Mädchen nicht richtig einschätzen, aber das Zeigen in die Richtung nach vorne, einer leichten, aber stetig ansteigenden Straße entlang, sprach eine klare Sprache.
Also gingen sie los.
Und gingen.
Und gingen.
Es war keine Bushaltestelle zu finden.
„Oh nein“, sagte das Mädchen dann leise, als es ihr dämmerte.
„Was?“ Der Junge sah sie fragend an.
“Was, wenn er nicht “fünf”, sondern “fünfzig” gesagt hat. Und es keinen Bus gibt, sondern nach Poasito direkt gezeigt hat?” Das würde nämlich auch mit ihrer ursprünglichen Recherche den Fußweg betreffend zusammenpassen. Doch sie waren schon rund 20 Minuten gelaufen. Mit ihrem jeweils rund 23 Kilogramm-Gepäck. Den Berg hoch. Und was hatten sie denn auch für eine Wahl? Weder hatten sie einen Bus, noch Bushaltestellen noch Taxis gesehen. Also gingen sie tapfer weiter. Ihre Beine begannen zu schmerzen. Und ein Weg für Fußgänger war auch nicht existent. Teilweise mussten sie sogar direkt auf der Straße laufen.
Etwa bei der Hälfte des Weges liefen sie geradewegs auf ein Auto zu, das am Straßenrand mit offenem Kofferraum und darin befindlichen Früchten stand. Der Verkäufer sagte etwas zu ihnen, aber das Mädchen schüttelte nur den Kopf. Sie wollte jetzt nichts kaufen!
Als sie schon vorbei waren, informierte sie der Junge: „Er hat „Taxi“ gesagt.“
Wahrscheinlich hätte er sie nach oben gefahren, aber das wäre sicher viel zu teuer gewesen. Sie hätten es sowieso nicht angenommen. Oder?
Es vergingen keine fünf Minuten, als erneut ein Auto neben ihnen hielt. Ein Mann saß am Steuer und winkte sie heran. Er würde sie fahren.
„Wie viel kostet es?“, versuchte das Mädchen es in der fremdländischen Sprache. Mittlerweile zogen sie es sogar in Betracht, dafür zu zahlen.
Der Mann winkte ab. „Gratis!“
Gratis? Sollten sie das Risiko wirklich eingehen, zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen bzw. am Ende doch etwas zahlen zu müssen?
Der Junge und das Mädchen sahen sich kurz an, aber sie waren beide erledigt und froh über Hilfe. Der Anstieg wurde nicht geringer und ihre Beine nicht frischer.
Also stiegen sie ein.
Der Mann redete munter auf der fremden Sprache auf sie ein. Erzählte von seiner Arbeit. Die beiden nickten nur, lachten und versuchten ab und an ein Wort der Zustimmung einzuwerfen.
Dann kamen sie an. Und tatsächlich wollte der Herr kein Geld, auch als sie es ihm entgegenhielten. Es war mehr als sie erwartet hatten.
Sie verabschiedeten sich dankend von ihm, checkten ein und fielen erstmal ins Bett.

Doch es war nicht das Ende ihrer Poasito-Odyssee.
Am nächsten Morgen wollten sie auf den Vulkan Poás fahren. Im Hotel erfuhren sie, dass es nur einen Bus am Tag dorthin gab, der etwa 10 Minuten fuhr. Er würde um 7.30 Uhr direkt vor dem Hotel anhalten und sie dann etwa 4 km vor dem Eingang absetzen. Die Dame empfahl ihnen das Vulkan-Ticket für frühestens 9.00 Uhr zu buchen. Dort wäre man beim Einlass wohl sehr streng. „Das schaffen wir!“, sagten sich der Junge und das Mädchen. Allerdings dachten sie sich „Wir sind aber bestimmt viel schneller oben“. Also buchten sie sich ein Ticket für Einlass am Vulkan um 8.40 Uhr. Es wurde 7.30 Uhr und der Bus nach Poás kam. Aber als sie einsteigen und auf den Berg fahren wollten, erfuhren sie vom Busfahrer, dass er nicht zum Vulkan, sondern in die Stadt Poás fuhr. Der nächste Bus auf den Vulkan sollte erst gegen 8 Uhr kommen, aber das schafften sie dann nicht mehr zeitlich. Sie müssten schließlich dann noch 4 km bergauf laufen – bis 8:40 Uhr! Also entschieden sie sich, für fünf Euro ein Uber zu buchen. Vor dem Hotel bekamen sie auch ein Gespräch eines anderen jungen Mannes mit, der ebenfalls auf den Berg wollte.
„Wir haben gerade ein Uber bestellt. Willst du mitfahren?“, sprach ihn das Mädchen an.
„Wann kommt es denn?“
„In 3 Minuten!“
„Gut, mein Ticket ist nämlich in 20 Minuten.“
Es würde zwar knapp werden, aber tatsächlich kam das Uber (während sie warteten fuhr der Bus auf den Berg an ihnen vorbei…) und der Fahrer brachte sie sicher auf den Vulkan! Der Fahrer machte sie beim aussteigen noch darauf aufmerksam, dass es nicht möglich ist ein Auto für die Rückfahrt zu rufen, da es auf dem Berg keinen Empfang gibt. Sie hatten aber ohnehin geplant zu Fuß zurück ins Tal zu laufen. Sie schafften es alle zum Einlass und konnten endlich die wunderschöne Aussicht in den Krater genießen, die es nur bei gutem Wetter gab!
Einmal mehr hatten sie den Tücken der öffentlichen Verkehrsmittel getrotzt!
