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Es war einmal… die Kiste unter dem Sitz

Der Junge und das Mädchen hatten genug davon, sich in der Gegend herumchauffieren zu lassen. Sie wollten die Dinge mal wieder selbst in die Hand nehmen. Und so liehen sie sich einen zweirädrigen, motorbetriebenen Untersatz namens Vivo, mit dem sie einen sagenhaften Tag im Toroko Nationalpark verbrachten. Vivo genoss den Fahrtwind ebenso wie der Junge und das Mädchen, sodass die drei noch einen Abstecher auf das abendliche Konzert der Stadt, in der sie die Nacht verbrachten, machten – und sogar noch in den Kaufmannsladen um die Ecke fuhren!

Als das Mädchen und der Junge übermüdet zu Hause ankamen, war auch Vivo so erledigt, dass er gar nicht mehr anspringen wollte. Keinen Meter wollte er aus eigener Kraft mehr fahren, nachdem sie ihn auf dem Parkplatz abgestellt hatten. Allerdings lag in erster Linie nicht an ihm. Nein, der Junge hatte einen signifikanten Teil dazu beigesteuert. Und das kam so:

Die verschließbare Kiste unter dem Sitz war gefüllt mit ihren Taschen und Einkäufen. All das holten sie heraus, der Junge legte seinen Helm hinein und das Mädchen ging schon mal zum Eingang ihrer Unterkunft, um das Abendessen vorzubereiten. Da hörte sie den Jungen hinter sich rufen: „Hast du den Schlüssel?“
Das Mädchen sah ihn verständnislos an und kam zurück. „Nein, du bist doch gerade selbst gefahren.“
„Aber ich finde den Schlüssel nicht mehr.“
Sie gingen ihre letzten Schritte noch einmal durch. Der Junge hatte seinen Helm in der (zu diesem Zeitpunkt) leeren Kiste unter dem Sitz verstaut. Eigentlich gab es keine andere Möglichkeit, als dass er in diesem Zuge den Schlüssel ebenfalls in die Kiste gelegt hatte. Nachdem der Deckel ins Schloss gefallen war, ließ sich die Kiste natürlich nur mit eben jenem Schlüssel öffnen. Noch einmal sahen sie sich genau um Vivo herum alles an, aber trotz mehrmaliger Suche mit Taschenlampe konnten sie den Schlüssel nicht entdecken. Also gaben sie es auf und entschieden, am nächsten Tag die nette Dame bei dem Laden, wo sie Vivo abgegholt hatten, nach einem Ersatzschlüssel zu fragen. Zum Glück war für den nächsten Tag ohnehin die Rückgabe geplant und der Laden war nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt, sodass es nicht allzu tragisch war.

In dieser Nacht wälzte sich der Junge im Bett hin und her. Er träumte von Vivo und dem verlorenen Schlüssel. Hatte er wirklich den Schlüssel in die Kiste geworfen? Er war sich nicht sicher.

Am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg. Die grobe Richtung kannten sie, allerdings wussten sie nicht mehr ganz genau, wo der Laden zu finden war. Doch sie würden sich einfach an den Häusern und ihrer Erinnerung orientieren.

Sie begrüßten Vivo und ärgerten sich noch einmal kurz über seine Sturheit, dass er ohne Schlüssel nicht fahren wollte. Die Nacht hatte an der Situation leider nichts geändert. Also schnappte sich der Junge den Lenker und schob Vivo durch die Straßen.

Irgendwann kamen sie am Bahnhof vorbei.
„Ich glaube, wir sind hier nicht richtig“, merkte das Mädchen an.
„Ich habe auf dem mobilen Endgerät nachgeschaut und eine Adresse gefunden. Demnach geht es hier lang“, erklärte der Junge.
„Aber wir sind zu weit! Wir müssen vor dem Bahnhof abbiegen.“ Das Mädchen bestand darauf und deutete auf den Bahnhof hinter ihnen. Mehr wusste sie aber auch nicht. In welche Straße sie abbiegen mussten, war unklar. Wie sollten sie denn jetzt rechtzeitig Vivo wieder in sein Zuhause bringen? Hätten sie doch damals nur Brotkrumen auf ihren Weg gelegt…

Der Junge schlug vor dass das Mädchen vorgehen und die grobe Richtung einschlagen sollte, die sie als richtig empfand. Der Junge kam langsamer mit Vivo hinterher. Und tatsächlich. Zwischen zahlreichen Verleih-Läden sah das Mädchen den, bei dem Vivo zu Hause war. Sie ging ein Stück zurück und blieb vor einem anderen Laden stehen, sodass der Junge sie auch gut sehen konnte und winkte ihm, zu ihr zu kommen.

Als er näher kam, sprach er unvermittelt die Frau des anderen Ladens an, die dort stand. Sie sah ihn fragend an und wunderte sich was denn mit dem Roller passiert sei, bevor das Mädchen lachend einschritt und den Kopf schüttelte. „Nein nein, der da drüben!“, sagte sie und deutete auf Vivos Zuhause eine Straße weiter. Kurz entschuldigten sie sich noch bei der verwirrten Frau, die nur lachend nickte, bevor sie weitergingen.

Die Dame, die ihnen Vivo gegeben hatte, war nicht anzutreffen. Dafür ein Herr, der schnell verstand, was ihr Problem war. Die Kiste unter dem Sitz hatte den Schlüssel gefressen. Er rief telefonisch um Hilfe, die auch prompt zwei Minuten später mit einem weiteren zweirädrigen Gefährt ankam.

Der hilfreiche Herr öffnete mit dem Ersatzschlüssel und einem Klacken die Kiste. Jetzt wurde es ernst. War der Schlüssel wirklich darin oder hatten sie ihn irgendwo anders verloren. War er vielleicht doch in einer der Taschen des Jungen?

Doch tatsächlich lag dort in der Kiste unter dem Helm versteckt der Schlüssel für Vivo. Der Junge und das Mädchen seufzten erleichtert und hörten dabei auch Vivo fast schon seufzen – nur leider etwas trauriger. Ab jetzt war Schluss mit durch die Gegend geschoben werden. Er musste wieder selbst ran und Menschen durch die Gegend fahren.

Das Mädchen und der Junge bedankten sich, gaben den wiedergefundenen Schlüssel und die Helme zurück und warfen Vivo noch einen letzten Blick zu. Dann verließen sie erleichtert und mit einem viel längeren und schnelleren Gefährt auf deutlich mehr Rädern die Stadt. Vivo würde mit Sicherheit noch viele viele Male die Faszination des Toroko Nationalparks erleben. Aber für das Mädchen und den Jungen war dieser Tag mit Vivo einzigartig gewesen und sie würden sich noch lange daran erinnern.

1 Kommentar

  1. Carmen
    Carmen 21. Juli 2023

    Tja so kann’s gehen. Vivo wollte eben auch mal eine Pause und nicht immer die Touris durch die Gegend schaukeln. Er hat sich sicher amüsiert über den „kleinen“ Adrenalinkick, den er verursacht hatte …

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