Wir waren gerade in Taiwan auf dem Weg von Hengchun nach Hualien, da bekam ich die folgende E-Mail:
Dear Our valued customer,
Due to flight operation, please check your new itinerary in the attachment.
Es ging um einen Flug, den ich einen Monat zuvor gebucht hatte: Von Hanoi nach Tokyo, um nach meinem Solo-Vietnam-Trip wieder mit Vicky in Japan zusammen zu reisen. Der Flug war ursprünglich geplant für Montag morgens um 8 und wurde nun aber vor-verschoben auf Montag 0:30 – also Sonntagnacht. Bis zum Flug waren es noch 20 Tage – keine große Sache … eigentlich.
Der Haken an der Sache: Ich hatte zusätzlich einen Inlandsflug von Ho-Chi-Minh-Stadt gebucht, der erst am späten Sonntag Abend in Hanoi landet. Für die Zeit bis zum Weiterflug am nächsten Morgen hatte ich zuvor sogar eine kleine (nicht stornierbare) Schlaf-Kapsel direkt am Flughafen Hanoi gebucht. Die würde ich dann wohl nicht mehr brauchen.
Durch diese Flugänderung hätte ich in Hanoi zwischen Landung und Abflug weniger als 80 Minuten Zeit. In dieser Zeit müsste ich: aus dem ersten Flugzeug steigen, mein Gepäck abholen, den Shuttlebus zum internationalen Terminal nehmen, für den nächsten Flug einchecken und mein Gepäck abgeben, durch die Sicherheitskontrolle gehen, die Ausreiseformalitäten erledigen, zum Gate gehen und in das zweite Flugzeug steigen. Dabei ist allerdings noch gar nicht berücksichtigt dass die Gepäckaufgabe bereits 30 Minuten nach der Landung des ersten Fluges schließt. Kurz gesagt es wäre sehr unwahrscheinlich, dass ich es zu meinem Anschlussflug schaffen würde.
Das alles präsentierte sich mir also während wir in Taiwan im Zug auf halber Strecke nach Hualien waren. In Hualien angekommen, kontaktierte ich die Fluglinie und nach langwierigem Hin und Her war das Problem mehr als eine Woche später gelöst. Dachte ich …
Glücklicherweise hatte ich beide Flüge – wenn auch unabhängig voneinander – bei derselben Fluglinie und dazu noch auf deren eigener Webseite gebucht. Dadurch konnten sie mir anbieten, den ersten Flug nach vorne zu verschieben. Mein neuer Flug war nun so geplant dass ich um 20:55 in Hanoi lande. Das sollte mir (theoretisch) ausreichend Zeit verschaffen, um den zweiten Flug um 0:30 zu erreichen.
Schließlich war der entscheidende Tag gekommen. Doch beim Mittagessen in Ho-Chi-Minh-Stadt erreichte mich eine weitere E-Mail der Fluggesellschaft mit einem Text, der mir bekannt vorkam:
Dear Our valued customer,
Due to flight operation, please check your new itinerary in the attachment.
Als ich weiterlas, wurde ich leicht nervös: Mein Flug nach Hanoi wurde – ohne weitere Erklärung – um 25 Minuten nach hinten verschoben. Neue Ankunftszeit: 21:20 Uhr.
Ich bin eine Person, die gerne etwas mehr Zeit zum Umsteigen einplant. Lieber warte ich etwas länger, als unter Zeitdruck zu geraten. Deshalb kam es mir nicht besonders gelegen dass sich meine Umsteigezeit gerade wieder verkürzt hatte. Aber ich sagte mir: die 25 Minuten werden noch im Rahmen sein. Für eine erneute Anfrage bei der Airline war es nun, am Tag des Fluges, ohnehin zu spät – besonders nachdem meine letzte Anfrage über eine Woche gebraucht hatte.
Zwei Stunden später saß ich mit meinem Gepäck an der Bushaltestelle, da erreichte mich erneut eine E-Mail.

Mit aufgerissenen Augen las ich die Nachricht:
Dear Our valued customer,
Due to flight operation, please check your new itinerary in the attachment.
Nach genauem Vergleich schienen aber die Zeiten für Abflug und Landung unverändert zu der vorherigen Mail. Etwas irritiert, aber erleichtert, hoffte ich, dass es die letzte E-Mail war.
Die Hoffnung war leider vergeblich. Nur eine Stunde später – mein Bus war fast am Flughafen angekommen – erreichten mich die Zeilen:
Dear Our valued customer,
Due to flight operation, please check your new itinerary in the attachment.
Ich konnte meinen Augen nicht trauen: Neue Ankunftszeit 21:55 – also nochmal 35 Minuten später. Insgesamt macht das eine Stunde weniger Zeit zum Umsteigen als ursprünglich geplant. Ich würde mich wohl etwas beeilen müssen.
Dafür hatte ich jetzt am ersten Flughafen aber umso mehr Zeit. Mein Abflug war von 18:45 verschoben worden auf 19:25, dann auf 20:00. Doch das sollte noch nicht alles gewesen sein …
Nach dem Checkin nutzte ich die Zeit, um mein verbleibendes vietnamesisches Bargeld auszugeben. Ich hatte noch etwa 30€ in vietnamesischen Dong, die ich möglichst sinnvoll nutzen wollte. Also kaufte ich ein Mitbringsel für Vicky, ein paar Süßigkeiten, Getränke, Banh Mi als Abendessen und ein USB-C Ladekabel. Am Ende hatte ich noch etwa 70.000 Dong (2,70€) übrig.
Am Abflugs-Gate kam die Ernüchterung: Der Flug schien wohl nicht ganz pünktlich zu sein. Zur geplanten Abflugszeit um 20:00 hatte das Boarding noch nicht einmal angefangen. Doch nach bangem Warten durfte ich irgendwann endlich das Flugzeug besteigen. Als das Flugzeug abhob, war es 20:41 also fast zwei Stunden später als ursprünglich geplant.
Der Flug wurde für mich zur Nervenprobe. Am liebsten hätte ich dem Piloten meine restlichen 70.000 Dong als Trinkgeld angeboten, damit er die Maschine besonders schnell ans Ziel bringt. Immerhin saß ich auf einem großzügigem Platz am Notausgang. Ich überlegte mir Strategien, wie ich nach der Landung möglichst schnell meinen kleinen Rucksack aus der Gepäck-Ablage holen und aussteigen könnte. Ich beruhigte mich außerdem mit dem Gedanken, dass ich ja im schlimmsten Fall immer noch am Flughafen Hanoi ein „Zimmer auf Reserve“ hatte. Das Zimmer das ich eigentlich zur Überbrückung der 8 Stunden bis zum ursprünglichen Flug um 8:00 Uhr gebucht hatte.

Die Stunden verstrichen in gespannter Erwartung, während das Flugzeug allmählich der Landung entgegen glitt. Die Lichter der Stadt schimmerten in der Ferne, als der Kapitän die Passagiere auf die bevorstehende Ankunft vorbereitete. Ein leiser Hoffnungsschimmer durchzog die Kabine, während der Zeiger der Uhr unaufhörlich voranrückte – vielleicht waren wir früher dran als gedacht. Es war 22:00 Uhr, und der Gedanke daran, den Anschlussflug möglicherweise doch noch zu erreichen, ließ mich leicht lächeln.
Die Durchsage „Cabin Crew prepare for arrival“ hallte um 22:05 Uhr durch die Kabine, gefolgt von einer gedämpften Beleuchtung, die eine ruhige Atmosphäre schuf. Zu diesem Zeitpunkt schienen die Uhren schneller zu ticken, während wir der Ankunft entgegenflogen.
Um 22:10 Uhr wurde das Licht gedimmt, und ich spürte, wie die Spannung in der Luft wuchs. Die Flugbegleiterin setzte sich auf einen Klappstuhl am Notausgang, und trotz der Verzögerungen schien eine gewisse Ruhe in der Kabine einzukehren.
Doch dann, um 22:15 Uhr, ging ein vorsichtiges Lächeln über mein Gesicht – die Anschnallzeichen wurden aktiviert. Ein kleiner Fortschritt in meinem Wettlauf gegen die Zeit. Wenige Minuten später fühlte ich, wie das Fahrwerk ausgefahren wurde. Mir fiel ein kleiner Stein vom Herzen, als das Flugzeug um 22:23 endlich auf der Landebahn aufsetzte.
Sanfte Hintergrundmusik erfüllte die Kabine, während die Passagiere erleichtert aufatmeten. Nachdem das Flugzeug zum Stillstand gekommen war, betrat ich den Gang und holte meinen Rucksack aus dem Gepäckfach. Endlich, um 22:32 Uhr wurden die Türen geöffnet, und ich konnte es kaum erwarten, das Flugzeug zu verlassen. Nur zwei Minuten später hatte ich es geschafft und trat hinaus in den Flughafen von Hanoi. So schnell hatte ich wahrscheinlich noch nie ein Flugzeug verlassen.
Am Gepäckband angekommen, beobachtete ich durch das Fenster, wie die letzten Passagiere das Flugzeug verließen. Es war 22:43 Uhr, als das Gepäckband in Bewegung kam und die Koffer nach und nach erschienen. Mein eigener Rucksack war unter den ersten, die auf dem Band auftauchten – ein kleiner Sieg inmitten der Herausforderungen.
Doch der Zeitdruck war noch nicht vorbei. Nun musste ich irgendwie vom Inlands-Terminal zum internationalen Terminal kommen. Ich wusste es gibt einen kostenlosen Shuttle-Bus, doch wann er fährt wusste ich nicht. Außer Atem kam ich vor dem Terminal an. Ein Mann fragte ob ich zum anderen Terminal müsse. Er erklärte mir dass ich auf den Shuttlebus 30 Minuten warten müsse, aber für nur 100.000 Dong könne er mich sofort dort hin bringen und er deutete auf ein kleines weißes Gefährt, das einem Golfkart ähnelte. Ich erinnerte mich an meine offenbar übereifrigen Einkäufe am letzten Flughafen und an meine mickrigen verbleibenden 70.000 Dong. Also antwortete ich resigniert, dass ich nicht genug Geld hätte. In diesem Moment erschien ein etwas verloren wirkender älterer Amerikaner mit kleinem Rollkoffer, der ebenfalls das internationale Terminal suchte. Der Herr mit dem Golfkart bot uns schließlich an, dass wir uns den Fahrpreis teilen könnten. Gesagt getan. So stiegen wir um 22:52 endlich in bzw. auf das Gefährt. Der Fahrer brachte noch zwei weitere Fahrgäste, die ihm jeweils 100.000 Dong in die Hand drückten und es ging los. Ich umklammerte meinen großen Rucksack, während der Fahrtwind an diesem schwül warmen Abend angenehm über meine Haut sauste.
Die Schlange am Check-in-Schalter war entmutigend lang, und ich fragte mich, ob ich es rechtzeitig schaffen würde. Doch dann geschah etwas Unerwartetes – die Frau vor mir bot großzügig an, mein Gepäck auf ihren leeren Wagen zu legen. In einem schnellen Wechsel von Ereignissen überließ sie mir fünf Minuten später den Wagen und verschwand – sie stand wohl in der falschen Schlange.

Um 23:08 Uhr tauchte neben der Schlange ein Mann mit einem Schild „Narita“ (der Name des Flughafens in Tokyo) auf und lotste mich nach vorne. Endlich, um 23:15 Uhr, hatte ich dann mein Ticket in der Hand und mein Gepäck war abgegeben. Ich hatte es also 25 Minuten vor der Frist geschafft. Jetzt fühlte ich mich sicher. Dennoch beeilte ich mich zum Gate zu kommen.
Doch zuerst musste ich die Ausreise-Kontrolle passieren. Es gab 10 Schalter vor denen jeweils unzählige Menschen standen. Zähneknirschend stellte ich mich in die Schlange, die sich in den ersten fünf Minuten keinen Schritt bewegte. Dann ging es endlich einen Schritt weiter nach vorne. Aber nur einen. Fünf Minuten später noch ein Schritt. Zum Ende hin wurde es zum Glück etwas zügiger.
Anscheinend war das Problem, dass die Einheimischen bei der Ausreise eine internationale Reiseversicherung nachweisen müssen. Die Formulare wurden sehr genau geprüft. Nach einer Dreiviertel Stunde hatte ich die Ausreise erledigt. Kurz vor Mitternacht war ich durch die Sicherheitskontrolle.
Mit einem raschen Abstecher auf die Toilette und einer aufgefüllten Wasserflasche am Trinkbrunnen eilte ich zum Gate. Punkt 0:05 Uhr ertönte die Durchsage – „Last call for Narita“. Ich lief auf den Schalter zu, begleitet von der Durchsage „Please hurry!“.
Mein Puls normalisierte sich wieder, als ich um 0:15 Uhr endlich mit dem letzten Bus vom Gate zum Flugzeug fuhr. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, doch diesmal hatte ich Glück. Pünktlich um 0:30 Uhr setzt sich das Flugzeug in Bewegung, und ich war an Bord.
Das Abenteuer war in vollem Gange, und während das Flugzeug in die Höhe stieg, konnte ich nicht umhin, über den Verlauf des Tages nachzudenken. Die unerwarteten Wendungen, die Hilfe von Fremden und der letztendliche Triumph hatten mir eine wertvolle Lektion erteilt. Die Reise selbst mag zwar turbulent gewesen sein, doch sie führte mich zu einer Erkenntnis: Im Herzen jedes Abenteuers liegt das Unbekannte, und es sind die Herausforderungen, die den Weg zu den unvergesslichsten Erinnerungen ebnen.
Doch wie das Zimmer auf Reserve aussieht würde ich wohl nie erfahren.

Hey, das liest sich ja wie ein spannender anspruchsvoller gut formulierter Krimi – f ü r m i c h . Deinen Seelenzustand kann ich mir zwar sehr gut vorstellen, aber wahrscheinlich dennoch nur zu einem Bruchteil. Inzwischen habt ihr ja einige knifflige Situationen hinsichtlich eurer Verkehrsmittel zu bestehen gehabt, aber hier hast du wirklich da gehockt wie auf glühenden Kohlen und dann mutterseelenallein unterwegs – ohne seelischen Beistand … Aber Ende gut, alles gut. Und es zeigt sich immer wieder: trotz unserer Ellenbogengesellschaft gibt es doch nette hilfsbereite Menschen (naja in Asien vielleicht noch eher)