Am 26.7. hatten wir alles gepackt: Unser Essen für den nächsten Tag, Kleidung für den Gipfel des Fuji, genug Geld für das Busticket, unsere Stirnlampen für den nächtlichen Bestieg und und und…
Unseren Schlafrhythmus haben wir so angepasst, dass wir bis um 12 Uhr schlafen, um dann ausgeschlafen zum Fuji zu fahren.
Der Plan war nämlich folgender:
Gegen 18 Uhr von Tokyo zum Fuji fahren.
Um 22 Uhr beginnen, den Fuji zu besteigen.
Um 4.45 Uhr dort den Sonnenaufgang ansehen.
Gegen 6 Uhr den Abstieg beginnen.
Zum Mittag wieder in Tokyo sein.
Tag 1 war ein Reinfall. Dazu könnt ihr hier aber schon mehr lesen. Mit unseren Bustickets in der Hand sind wir also auf ein Neues an Tag 2 zum Busterminal gegangen und haben uns tatsächlich in den Bus zum Fuji gesetzt. Die Fahrt dorthin dauert im Normalfall etwa zwei bis zweieinhalb Stunden. Der Bus hält an der 5. Station des Fuji.



Es gibt vier ausgeschilderte Wege auf den Fuji. Wir haben uns für den Yoshida-Trail entschieden, den die meisten Menschen gehen – hauptsächlich, weil der Startpunkt am einfachsten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen war und wir die Besteigung an einem einzigen Tag machen wollten und deshalb lieber auf Nummer Sicher gegangen sind, was den Schwierigkeitsgrad angeht.
Die meisten Wanderer fangen an der 5. Station mit der Besteigung an – ebenso wie wir. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren bis dort. Natürlich kann man auch ganz unten beginnen, das nimmt aber wesentlich mehr Zeit in Anspruch. Ab der 5. Station braucht man im Schnitt sechs Stunden auf den Gipfel, Pausen sind in der Zeit nicht wirklich eingeplant.
Viele Menschen besteigen den Berg am Nachmittag ein Stück von der 5. Station aus und schlafen dann auf einer der oberen Stationen, um dann am nächsten Morgen nur wenige Stunden bis zum Gipfel gehen zu müssen. Der Berg hat mehrere Stationen, die von eins bis zehn durchnummeriert sind. Manchmal gibt es auch noch eine 9,5. Station oder ähnliche Späße, aber man kann sich gut an den Stationen orientieren und dort auch Pause machen oder etwas zu Essen und Trinken kaufen. Die meisten Stationen sind einfache Hütten, nur die 5. Station besteht aus mehreren mehrstöckigen Gebäuden. Müde Wanderer können auf fast allen Stationen (natürlich gegen Bezahlung) in der Unterkunft spontan ein kurzes Schläfchen halten, sofern Platz ist. Die Betten für die Nächte sind allerdings meist schon Monate im Voraus ausgebucht.

Wir sind also gegen 18 Uhr an der fünften Station zum Yoshida-Trail angekommen. Es war noch viel los und wir haben uns erstmal die Souvenirstände angesehen. Einen Schrein gab es auch, aber leider war der schon geschlossen.




Und dann hieß es Warten. Um nicht die ganze Nacht bis zum Sonnenaufgang auf dem zugigen Fuji-Gipfel verbringen zu müssen, haben wir an der 5. Station darauf gewartet, bis es etwa sieben Stunden vor Sonnenaufgang war. Wir waren wohl nicht die Einzigen, denn noch etwa 20-30 andere Menschen saßen dort in einem kleinen Warteraum oder davor, um es ebenso wie wir zu machen.



Nach und nach hat sich der Raum geleert. Nachdem etwa die Hälfte der Menschen aufgebrochen war, ging es auch für uns gegen zehn Uhr los! Unsere Stirnlampen eingeschaltet, waren wir die erste halbe Stunde die einzigen Lichter weit und breit. Bis wir an der 6. Station waren, ist uns keine Menschenseele begegnet. Der Weg war recht breit und uns sind gleich die Schilder aufgefallen, auf denen die Minutenzahl bis zum Gipfel steht, die man durchschnittlich braucht.

Bis zur 6. Station ging es ziemlich einfach. Der Weg war nicht weiter anstrengend. An der Station hat uns ein Mitarbeiter begrüßt und noch eine Wander-Karte in die Hand gedrückt. Auf einem Schild dort stand, dass es rund 25% der Tageswanderer nicht bis zum Gipfel schaffen. Würden wir dazugehören?? Ein wenig Respekt hatten wir ja schon vor der Höhe, die einem ziemlich zu schaffen machen kann. Und mit seinen 3774 Metern ist der Fuji kein kleiner Berg. Wir waren zwar davor auch schon im Himalaya auf ähnlicher Höhe, allerdings auch „nur“ auf 3210 Metern, und man muss dazusagen, dass wir dort nach und nach hochgestiegen sind und zwischendrin auf dem Weg übernachtet haben. Dadurch gewöhnt man sich wesentlich besser an die Höhe und hat somit weniger Probleme mit der Höhenkrankheit (z B. Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen). Beim Fuji war aber der Plan von Meeresspiegel-Höhe auf 3774m in 12 Stunden zu kommen. Zwar nicht komplett zu Fuß, aber der Höhenunterschied war doch deutlich größer in einer deutlich kürzeren Zeit, verglichen zum Himalaya.
Warum wir das Ganze in 12 Stunden machen wollten? Es war einfach unkomplizierter und ja, auch günstiger, nicht dort zu schlafen. Und wir hatten ein wenig Mut durch die Erlebnisse der vergangenen Monate gefasst, dass wir das schaffen könnten.
Aber zurück zu unserem Versuch! Der Weg zwischen der 6. und der 8. Station war nochmal etwas ganz anderes. Entweder war es Vulkanschotter, in dem man eingesunken ist, oder es waren große Felsen, die man oft auch die Hände beim Klettern zur Hilfe nehmen musste. Leider haben wir gerade von letzterem keine Fotos, weil es stockfinster war und wir dachten, wir machen Fotos im Hellen, wenn wir runtergehen. Dass der Weg runter ganz anders aussieht, haben wir erst später erfahren.
Ab etwa der 7. Station wurden die Menschen mehr. Man kann noch nicht von „Massen“ sprechen, aber zumindest sind uns mal wieder Menschen begegnet. An den Stationen haben wir uns gelegentlich eine Fünfminutenpause gegönnt. Unterwegs saßen wir auch mal ein wenig am Wegrand, um den Sternenhimmel zu bewundern. Sowas gibt es in Tokyo eben gar nicht…

Als wir die 8. Station verlassen haben, ist uns aber ein deutlicher Unterschied bezüglich der Menschenmenge aufgefallen. Es wurden mehr und mehr Wanderer. Viele waren auch in einer geführten Gruppe unterwegs. Gerade die letzten eineinhalb Stunden waren dann wirklich Menschenmassen unterwegs. Man konnte nur in einer Schlange hintereinander her dackeln, was uns wahrscheinlich das doppelte an Zeit gekostet hat. Alle wollten zum Sonnenaufgang oben sein. Zum Glück war es wirklich nur hauptsächlich das letzte Stück, das so „bevölkert“ war, sonst hätte das Ganze wahrscheinlich wesentlich weniger Spaß gemacht und länger gedauert. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie voll es dort am Wochenende sein muss!


Letztendlich haben wir es ohne große Probleme gegen halb vier auf den Gipfel geschafft – also rund eine Stunde vor Sonnenaufgang.
Eigentlich wollten wir die Zeit nutzen, um einmal den Krater zu umrunden, was etwa eine Stunde dauert. Allerdings waren wir so in den Wolken bzw. im Nebel, dass wir nicht einmal den Weg gefunden haben, der um den Krater führt. Also haben wir uns alles angezogen, was wir hatten, und haben uns einen Platz gesucht, wo wir auf den Sonnenaufgang warten konnten.

Für diesen war es dann um 4.45 Uhr Zeit. Es war wirklich schön, das Ganze von der Spitze des Fuji zu betrachten! Kurz vor Aufgang ist Nebel aufgezogen, sodass wir ein bisschen bangen mussten, aber er hat sich gerade rechtzeitig wieder verflüchtigt, um uns einen tollen Blick auf die rote Scheibe zu geben.







Natürlich muss man sich selbst überlegen, ob einem der Sonnenaufgang einen Anstieg in kompletter Dunkelheit wert ist. Man hat keine große Aussicht nachts, allerdings war es trotzdem sehr schön, die Lichter rund um den Fuß des Fuji zu sehen und die Natur in Dunkelheit und Stille zu genießen (zumindest die ersten paar Stunden). Außerdem hatten wir ja den Weg nach unten im Hellen.
Nach dem Sonnenaufgang haben wir uns dann zum höchsten Punkt des Vulkans aufgemacht und mussten für ein Foto dort auch einige Minuten anstehen.


Für das Beten am Tempel haben wir uns aber nicht mehr angestellt. Das war uns dann doch ein wenig zu viel Chaos.

Ein wenig Zeit haben wir uns dann noch gegönnt, die Aussicht vom und in den Krater zu genießen und die fast unwirkliche Landschaft um uns herum.






Außerdem habe ich auf halber Strecke nach oben eine Miniaturversion eines Wanderstocks gekauft. Normalerweise hat man ganz normal große Wanderstöcke und lässt sich dann auf den verschiedenen Bergen Japans in den Stock einbrennen, wie weit man es geschafft hat. Weil ich aber keinen riesigen Wanderstock mit mir herumtragen, trotzdem aber gerne etwas als Erinnerung wollte, habe ich zugeschlagen, als ich dieses kleine Stück Holz gesehen habe. Am Gipfel konnte man sich dann für eines (oder alle) von vier Motiven entscheiden, die eingebrannt werden. Zwei waren auf Englisch, allerdings recht groß und rund und hätten auf dem kleinen Stückchen Holz wahrscheinlich nicht allzu passend ausgesehen. Ich habe mich letztendlich für die Höhenmeter auf Japanisch entschieden. Auf der anderen Seite ist die japanische Jahreszahl sowie ein Hase zu sehen, weil es das Jahr des Hasen ist.



Gegen halb sechs ging es dann letztendlich auch wieder runter. Der Abstieg war ein wenig nervig. Es war recht steil und man ist eigentlich nur drei Stunden lang durch Schotter runtergerutscht. Meinem Knie hat das irgendwann gar nicht mehr gefallen und es hat sich ziemlich vehement gemeldet. Zum Glück hab ich es noch bis runter geschafft. Die Schmerzen waren auch am nächsten Tag noch da, sodass ich kaum Treppen laufen konnte. Allmählich hat sich das Knie dann aber auch wieder beruhigt.
Insgesamt drei Stunden hat der Abstieg gedauert. Man kommt dabei kaum mehr an den Stationen vorbei und hat deshalb auch kaum Punkte zum Ausruhen. Die Sonne hat uns auch immer mehr zu schaffen gemacht. Natürlich liegt der Fuji recht hoch, aber wenn es in Tokyo 36 Grad hat, dann merkt man die Hitze auch auf dem Fuji. Wir waren sehr froh, dass wir uns für einen Aufstieg nachts entschieden haben und nicht am Tag.
Der Ausblick beim Abstieg war aber trotzdem toll und wir haben ein paar schöne Eindrucke bekommen.









Um neun Uhr morgens saßen wir dann im Bus zurück nach Tokyo. An der 5. Station des Fuji gibt es Direktbusse dorthin, die man entweder am gleichen Tag reservieren kann oder dann einfach ein Ticket am Schalter kauft und einsteigt.
Zur Mittagszeit waren wir dann also tatsächlich wieder in unserer Unterkunft. Total erledigt, aber glücklich!
Unser Fazit:
Während der Busfahrt und natürlich auch der folgenden Tage haben wir unser Fuji-Abenteuer noch einmal Revue passieren lassen. Es war an sich keine atemberaubende Wanderung, die jeder Mensch einmal im Leben gemacht haben sollte, aber der Aufstieg war doch recht interessant. Vielleicht lag es – im positiven und negativen Sinne – auch einfach daran, dass wir nachts hoch sind. Dabei konnten wir kaum etwas sehen, aber das hat allem auch nochmal einen neuen Aspekt gegeben. Wir hatten auch nicht unbedingt damit gerechnet, auf allen Vieren über Felsbrocken hochzukrakseln.
Die letzten 1,5 bis 2 Stunden hoch waren zäh, wegen der vielen Menschen, und weil es dadurch immer nur einen Meter nach dem anderen voranging. Gleichzeitig hat es das aber auch körperlich weniger anstrengend gemacht, weil wir kaum ins Schwitzen gekommen sind.
Ich schreibe, es war keine umwerfende, atemberaubende Wanderung, aber ganz klar war es auch nicht die schlechteste, langweiligste oder sinnloseste, die wir je gemacht haben. Da hatten wir schon ganz andere. Wir hatten Glück mit dem Wetter und haben einen tollen Sonnenaufgang beobachten dürfen. Das Licht dort oben war einfach gigantisch und hat den Berg in eine geniale Stimmung getaucht.
Weniger Abenteuerlustigen würden wir auf jeden Fall empfehlen, entweder in einer der Hütten auf dem Fuji zu schlafen (wobei wir gelesen haben, dass das auch ein Abenteuer für sich ist…) oder zumindest am Fuße des Fuji, um sich den Anfahrtsweg aus Tokyo zu sparen. Wer zum Sonnenaufgang mit einer Tageswanderung nach oben will, hat im besten Fall jemanden, der ihn mit dem Auto bis zur 5. Station hochfährt, sonst wäre das ein Schicksal wie wir und einige andere es hatten: mit dem letzten Bus fahren und dann vier Stunden warten müssen.
Grundsätzlich waren wir überrascht, wie gut letztendlich doch alles funktioniert hat. Wir waren unter der durchschnittlichen Zeitangabe und hatten auch keine Anzeichen von Höhenkrankheit. Wir haben uns also viel zu viele Gedanken gemacht – oder die genau richtige Menge an Gedanken, die uns zum Training gezwungen hat!
Trotz der logistischen Schwierigkeiten sind wir sehr froh, dass wir es durchgezogen haben. Wir haben es wirklich hinbekommen und haben den Fuji bestiegen – eine weitere Sache, die ich einmal in meinem Leben gemacht haben wollte und die wir zusammen geschafft haben!
Zum Abschluss noch ein beliebtes japanisches Sprichwort zur Besteigung des Fuji mit einer recht wörtlichen deutschen Übersetzung:
富士山に登らぬ馬鹿、二度登る馬鹿。
Ein Dummkopf ist, wer den Fuji nie besteigt. Und ein Dummkopf ist, wer ihn zweimal besteigt.
