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Es war einmal… der verschwendete Tag

Es sollte ein einmaliges Erlebnis werden: die Besteigung des höchsten Bergs der fernöstlichen japanischen Inseln. Der Vulkan mit dem Namen Fuji war 3774 Meter hoch und die Obrigkeit hatte entschieden, dass man ihn nur im Sommer besteigen durfte. Das Zeitfenster des Mädchens und des Jungen war also eng, doch sie konnten ihre Reise so durchführen, dass sie in der Tat im erwähnten Zeitfenster erneut auf die japanischen Inseln reisten und sich ein paar Tage in der Hauptstadt des Landes aufhielten. Auf den Inseln Neuseelands hatten sie gelernt, dass eine Bergbesteigung Zeit erforderte und gelegentlich auch eine Änderung der Pläne. Sie hofften allerdings, dass das beim Fuji nicht der Fall sein würde. Doch Hoffnung ist ein trügerisches Gut.

Schon etwa ein halbes Jahr zuvor hatten sie sich erkundigt, ob sie, wie andere Menschen der Legende nach, auf dem Berg nächtigen sollten. Doch die dortigen Schlafplätze waren sehr begehrt und darum auch hochpreisig. Auch wollten sie ja den Sonnenaufgang sehen und müssten darum sowieso gegen zwei Uhr nachts das vermeintlich bequeme Bett verlassen. Das wäre doch fast schon Verschwendung.

Die Abreise auf die Insel rückte näher. Wenn sie schon nicht AUF dem Berg schliefen, sollten sie sich dann einen Schlafplatz am Fuße des Berges suchen oder doch lieber in der Hauptstadt, die etwa zweieinhalb Stunden vom Fuji entfernt war? Aus Zeit- und Geldgründen – und auch, um flexibler zu sein – entschieden sie sich für die Hauptstadt. Ein Gästehaus wurde gebucht und sie gönnten sich noch eine Pause von zwei Nächten, die sie durch besonders langes Schlafen darauf vorbereiten sollten, in der Folgenacht keinen Schlaf zu bekommen.

Bei Sonnenuntergang wollten sie von der Hauptstadt aus mit einem gemeinschaftlichen Fahrzeug zum Vulkan fahren, vor Mitternacht dann den Anstieg beginnen, am Gipfel den Sonnenaufgang sehen und zur Mittagszeit wieder in der Hautstadt sein. Soweit der Plan.

Am Nachmittag packten sie ihre sieben Sachen in zwei große Säcke. Informationen über das gemeinsame Verkehrsmittel, dass sie zu ihrem Aufstiegspunkt bringen sollte, gab es zwar, aber sie waren wirr und widersprüchlich. Also planten sie zwei Stunden mehr für die Fahrt ein. Irgendein Fahrzeug würde sie mit Sicherheit hinbringen. Schließlich war der Berg so oder so ein beliebtes Ziel für Menschen, die sich vom Alltag erholen wollten.

Ausgeschlafen, bepackt und motiviert suchten sie sich ihren Weg durch den Großstadtdschungel zum Abfahrtszentrum.

Dort standen so viele Fahrzeuge. Eines davon würde sie mit Sicherheit an ihr Ziel bringen! Und am nächsten Tag zu dieser Zeit würden sie dann schon wieder in ihren Betten in der Hauptstadt liegen. Alles war perfekt geplant. Bis auf eine Kleinigkeit.

„Wir möchten zum Fuji!“, erklärte das Mädchen der etwas älteren Fahrkartenverkäuferin. Wahrscheinlich hätte es diese Erklärung gar nicht gebraucht, so bepackt wie sie da in ihren Wanderschuhen standen. Die Dame wusste sicher genau, was sie vorhatten!
„Heute fährt nichts mehr“, kam prompt die ernüchternde Antwort.
Das Mädchen sah den Jungen schockiert an. Er erwiderte den Blick.
„Kein einziges Fahrzeug mehr?“, wandte sie sich wieder an die Fahrkartenverkäuferin, nachdem sie sich ein wenig gefasst hatte.
Diese schüttelte den Kopf. „Das letzte fährt am Nachmittag.“
Es war natürlich schon Abend. Denn sie wollten ja erst zwei Stunden vor Mitternacht den Anstieg beginnen. Warum sollten sie also schon früher hinfahren wollen?
„Wir wollen den Sonnenaufgang sehen und deshalb jetzt zum Fuji fahren“, versuchte sie weiter zu erklären. Die Frau musste doch sehen, dass sie aufbruchsbereit waren und jetzt nicht wieder umkehren konnten!
Doch die Fahrkartenverkäuferin schien eher ungeduldig zu werden. „Nicht mehr heute. Das letzte Fahrzeug am Fuji fährt dort abends los, deshalb fährt das letzte hier nachmittags. Morgen wieder.“
Das machte doch keinen Sinn! Sie wollten doch eine Direktverbindung buchen. Es war ihnen egal, wann das letzte Fahrzeug am Fuji zum Startpunkt fuhr!
Doch da dämmerte es dem Mädchen. Das Besteigen des Vulkans an einem Tag wurde nicht empfohlen. Es fuhren zwar Verkehrsmittel zum Fuji selbst, aber keine mehr zu dem Punkt, von dem aus man den Berg bestieg. Wahrscheinlich, um die Besteigung in der Nacht nicht noch leichter zu machen.

Frustriert verließen die beiden den Fahrkartenschalter und setzten sich erstmal in den Wartebereich. Sie hatten den kompletten Tag vertrödelt, extra lange geschlafen, um dann wach an diesem Tag den Anstieg zu wagen.
Nun saßen sie da und konnten nicht fassen, dass ihr Abenteuer vorbei war, bevor es begonnen hatte.

Doch einen Lichtblick hatten sie: Sie hatten sich genug Zeit genommen, um den Plan einen Tag nach hinten verschieben zu können, bevor das große Wochenende mit noch viel mehr Abenteurern ihre Pläne vollständig zunichtemachen konnte.

Was blieb ihnen also anderes übrig? Mit einem Seufzen erhoben sie sich und machten sich erneut auf den Weg zum Schalter. Zum Glück war die ungeduldige Fahrkartenverkäuferin mittlerweile verschwunden und sie trafen einen netten Herrn an, der ihnen zwei Fahrkarten für das Gemeinschaftsfahrzeug zum Startpunkt der Wanderung verkaufte. Am nächsten Tag. Und durch die viel zu frühe, aber leider letzte Fahrt, wussten sie auch, dass sie etwa vier Stunden am Startpunkt auf dem Berg warten mussten, damit sie zum richtigen Zeitpunkt aufbrechen konnten, um dann auf dem Gipfel den legendären Sonnenaufgang betrachten zu können.

Seufzend, aber zumindest nicht völlig unglücklich, dass das ganze Abenteuer bereits vorbei war, traten der Junge und das Mädchen wieder den Heimweg an. Dabei fiel ihnen auf, dass sie dadurch zumindest eine Sache noch tun konnten, um den Tag nicht völlig zu verschwenden: Sie eilten auf ein Sommerfest, das noch etwa eine halbe Stunde stattfand und das sie eigentlich aufgrund der Fuji-Besteigung dachten nicht besuchen zu können. Doch nun hatten sie Zeit und schließlich mussten sie wieder lange wach bleiben, um lange schlafen zu können, um dann ausgeschlafen zu sein, um den Fuji zu besteigen.

So holten die beiden letztendlich also doch noch etwas Gutes aus dem verschwendeten Tag heraus.

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