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Es war einmal… der Wert des Geldes

Eines Tages erreichten der Junge und das Mädchen eine sozialistische Insel, die den Namen Kuba trug. Bald schon merkten sie, dass nicht nur die Insel und die Leute fremd waren, sondern auch die ganze Lebensweise und das System dort nicht dem entsprachen, was sie von gewohntem Boden kannten.

Da es tief in der Nacht war, als die beiden ankamen, hatten sie keine Möglichkeit, ihr Geld in die Währung des Landes umzutauschen. Das würden sie also am nächsten Tag angehen. Doch in der Nähe ihres „Casa Particular“, einer einheimischen Unterkunft, gab es keine Wechselstube.
„Vielleicht kann uns die Besitzerin ja was für den Bus geben…“, schlug der Junge vorsichtig vor.
„Wir können ihr ja US-Dollar im Tausch geben… Falls sie die will und überhaupt gebrauchen kann“, fügte das Mädchen hinzu.
Also versuchten sie ihr Glück.

Ihre mobilen Endgeräte zeigten einen Wechselkurs von 1:25 an. Die Dame gab ihnen 50 Pesos, also gaben sie ihr zwei Dollar, die sie noch aus den nordamerikanischen Staaten mitgebracht hatten. Da der fahrbare Untersatz für die Massen in die Stadt aber laut ihr nur zwei Pesos pro Person kostete, legte sie noch fünf Pesos obendrauf. Scheinbar wechselte der Fahrer nicht gern große Scheine.
Der Junge und das Mädchen bedankten sich vielmals und machten sich am Morgen auf den Weg.

Die Fahrt kostete letztendlich doch fünf Pesos pro Person. Zehn Pesos ärmer erreichten sie also die Hauptstadt des Landes und der Weg führte sie erst einmal an einigen kleinen Straßenständen vorbei. Brötchen für 50 Pesos, also umgerechnet zwei Euro. Pizza für 200 Pesos, also etwa acht Euro. Das war jetzt alles entgegen ihrer Erwartungen nicht gerade ein Schnäppchen.
In ihrer Unterkunft kauften sie eine 1,5 Liter Flasche Wasser für 200 Pesos. Sie nahmen sich vor, sich zu erkundigen, ob man das Leitungswasser auf der kubanischen Insel ohne Probleme zu sich nehmen konnte.

Ihre Denkweise änderte sich allerdings, als sie ihren Weg zur automatischen Maschine fanden, aus der sie durch ihre Karte Geld erhalten sollten.

Ein wenig mehr als 200 Euro wollten sie erhalten. Sie rechneten um und gaben 6000 Pesos (CUP) in die Maschine ein. Die 6000 Pesos lagen wenig später in ihren Händen. Ebenso wie der Zettel, der ihre Transaktion bescheinigte. Aber dort stand nur „USD 50“ auf dem Zettel.

Das Mädchen blickte auf die Scheine in der Hand des Jungen: „Aber da sind doch 6000 Pesos!“ Sie nahm ihm den Zettel aus der Hand. Da stand tatsächlich 50 USD. Auch der Junge erwiderte ihren verwirrten Blick. „Irgendwas stimmt da nicht.“ Der Junge schaute auf sein mobiles Endgerät, wo dieselbe Transaktion angezeigt wurde – für 46 Euro.
Doch was war falsch gelaufen? Für 46 Euro erhielten sie 6000 Pesos.
Der Junge holte sein mobiles Endgerät erneut raus und schaute auf den Währungs-Umrechner. „Hier stehts: Umrechnungskurs 1:25.“
„Das, was wir bekommen haben, ist ein Kurs von 1:130!“, stellte das Mädchen fest.
Sie recherchierten weiter und erfuhren bald, dass der Umrechnungskurs von 1:25 aus dem Durchschnitt des weltweiten Ankaufs und Verkaufs bestimmt wurde. Da aber im Ausland offiziell keine kubanischen Pesos gekauft und verkauft werden durften, trieb das wohl den Preis auf dem Weltmarkt enorm in die Höhe.
„Das bedeutet“, sagte der Junge plötzlich lachend, „dass wir der Frau beim Casa die zwei Dollar für den Bus für 1:25 umgetauscht haben! Deshalb hat sie uns die fünf Pesos auch noch obendrauf gelegt“
„Sie wird sich gefreut haben“, stimmte das Mädchen ebenfalls lachend zu.

Sie selbst freuten sich über den guten Wechselkurs, den sie erhalten hatten, und entschieden sich am nächsten Tag, noch einmal Geld zu holen. Die Maschinen schienen aber nur sehr begrenzt Geld zu haben, denn bei ihren nächsten zwei Versuchen sollten sie nichts erhalten. Auf seinem mobilen Endgerät erfuhr der Junge allerdings, dass 77 Euro abgebucht wurden – so viel wie sie eigentlich bekommen sollten!
„Die haben uns betrogen!“, riefen die beiden aus. Aber etwas dagegen tun konnten sie auch nicht. Das Geld war weg, beziehungsweise hatte es nie das Licht der Welt erblickt, und sie waren um eine Erfahrung reicher. Nur was brachte ihnen diese Erfahrung? Sie benötigten Geld, so oder so. Sie würden es also irgendwann wieder versuchen müssen.

Zuerst einmal fuhren sie aber in eine Stadt namens Viñales, um dort drei Nächte zu verbringen. Erneut und mit knirschenden Zähnen holten sie sich Geld aus einer Maschine. Diesmal funktionierte es einwandfrei.

Was ihnen am folgenden Tag zustieß, sollte ihre Zeit auf der ihnen doch noch recht merkwürdig vorkommenden Insel jedoch grundlegend verändern.

Gerade überlegten sie, was sie mit ihrem letzten Tag in der Stadt anstellen sollten, und standen vor einem Informationsgebäude, als zwei Fremde, wir nennen sie „die zwei Weisen“, auf sie zukamen. Auf Englisch wurden sie von ihnen angesprochen. Schnell wurde klar, dass die zwei Weisen sowie das Mädchen und der Junge aus demselben Land stammten. Sie kamen ins Gespräch.
Die zwei Weisen fragten sie, ob sie mit ihnen eine Höhle besuchen und sich das Geld für die Fahrt teilen wollten. Der Junge und das Mädchen stimmten nach einiger Überlegung zu.
In dem motorbetriebenen gelben Gefährt kamen sie ins Gespräch.

„Wir hätten nicht gedacht, dass man so leicht überall mit der Währung unserer Heimat und der des großen Nordamerikas zahlen kann. Hier in diesem merkwürdigen Land!“, merkte das Mädchen an. Sie erinnerte sich nämlich daran, dass man die Währung Nordamerikas nur mit 10% Verlust in offiziellen Wechselstuben wechseln konnte.
„Das liegt daran“, fingen die beiden Weisen an, „dass es hier Läden gibt, in denen nur mit diesen ausländischen Währungen bezahlt werden kann.“
„Was?“ Der Junge und das Mädchen waren verwirrt. Warum das denn?
„Das sind Importgüter, die schwer zu bekommen sind. Deshalb freuen sich die Einheimischen darüber, wenn ihr nicht in der Landeswährung zahlt.“
Das war doch völliger Irrsinn! Aber Sinn machte es jetzt doch, dass sie auch in ihren Unterkünften für Zusatzleistungen vor Ort hauptsächlich nach ihrer Heimatwährung gefragt wurden. Hätten sie das gewusst, hätten sie viel mehr von diesem Geld mitgebracht! Zum Glück hatten sie auch noch etwa 150 Dollar gehabt, die sie nicht zurückgetauscht hatten. Diese waren wertvoll, da die Scheine zum Teil sehr klein waren und damit auch kleinere Beträge gut gezahlt werden konnten.
„Woran sehen wir denn, dass das so ein Laden ist?“, wollte das Mädchen wissen.
„Ganz einfach: Die Regale sind gefüllt, aber meistens ist keine Kundschaft drin.“ Die Weisen zuckten mit den Schultern und grinsten ein wenig traurig.
Tatsächlich sollten sie nur wenig später einige solcher Läden finden.

Den Weisen erzählten sie auch von ihrem Wechselkurs und den anfänglichen Verwirrungen.
„Was ist denn euer Wechselkurs gewesen?“, fragten diese schließlich.
„1:130 aus der Maschine“, sagte das Mädchen ein wenig stolz.
„Normal hier ist 1:180.“ Die Weise sah sie ein wenig mitleidig an.
Der Junge und das Mädchen waren verwirrt. Wie sollte das denn gehen?
„Ihr könnt einfach auf den Markt um die Ecke gehen und dort Geld umtauschen. 1:130 ist auch noch gerade so in Ordnung, aber auf dem Markt wechseln sie es auch für 1:170 oder 1:180. Einmal konnten wir sogar 1:185 dabei rausschlagen. Aber mit diesen Umrechnungskursen macht hier jeder Gewinn. Die Touristen und die Einheimischen.“ Dieser Hinweis der Weisen war für sie Gold wert.
Zum einen hatten sie dadurch einen weitaus besseren Wechselkurs und zum anderen bekamen die Einheimischen so die so wichtige Währung, um Dinge zu kaufen, die ihnen sonst verwehrt blieben.

Den Tag über bekamen der Junge und das Mädchen noch weitere hilfreiche Hinweise von den Weisen. Zum Beispiel, dass man immer vorher fragen muss, was alles in einem Preis enthalten ist. Sonst ist man schnell mehr wertvolle Scheine los als geplant.

Auch erfuhren sie an jenem Tag vom Einheimischen, der sie durch die Höhle führte und dadurch beim Staat angestellt war, dass sein Monatslohn umgerechnet 20 Euro war. Das Mädchen und der Junge riefen sich in Erinnerung, dass ein Schinkenbrötchen auf die Hand umgerechnet 0,45 Euro kostete, ein günstiges Essen im Restaurant 4 Euro und ein Liter schwarzes Gold für einen fahrbaren Untersatz zur gegenwärtigen Zeit über 3,80 Euro.
Mit Lebensmittelkarten konnte man sich teilweise noch Essen und Dinge wie Babywindeln holen, aber auch diese reichten für nicht mehr als ein Drittel eines Monats.
Es war also kein Wunder, dass immer mehr Menschen mit Menschen wie ihnen, die von weither kamen, arbeiten wollten, wo allein das zugesteckte Geld am Ende einer Dienstleistung schon mehr als ein Monatsgehalt darstellen konnte.

Am Ende des Tages bedankten sich der Junge und das Mädchen bei den beiden Weisen, die sie abends zum Tanzen wiedertreffen wollten. Aufgrund eines Stromausfalls, der wie so oft auch an diesem Abend den Ort lahm legte, fand das Treffen aber nie mehr statt. Sie waren trotzdem sehr dankbar für die vielen Informationen, die sie erhalten hatten.

Am nächsten Tag wagten sie es. Sie gingen allein auf den Markt. Ein wenig sahen sie sich um, denn das Mädchen wollte sowieso noch ein Andenken für Zuhause kaufen. Letztendlich entschieden sie sich für einen Stand.
„Ist es möglich, hier Geld zu wechseln?“, fragte das Mädchen den Verkäufer.
Er nickte und zog gleich seine Tasche mit einem dicken Stapel Geld heraus.
„100 Euro in Pesos?“
Wieder nickte er und holte seinen Taschenrechner hinzu. Darauf tippte er „150 x 100“ ein, um den Peso-Preis zu erhalten.
Hochgezogene Augenbrauen und ein ungläubiges Lächeln des Mädchens sowie ein kurze Diskussion später wurden Geldscheine gewechselt und der Junge und das Mädchen verließen mit 17.000 Pesos in der Tasche und einem Andenken für Zuhause den Markt. Eine Abmachung, die mit all dem Hintergrundwissen, das sie mittlerweile über die Lebensweise der Inselbewohner hatten, guten Gewissens eingehen konnten. Er hatte ein bisschen mehr erhalten als er wahrscheinlich schon mit anderen gewechselt hatte und das Mädchen und der Junge hatten einen weitaus besseren Wechselkurs als von der Maschine.

So war das Leben auf der Insel für sie am Ende doch nicht so teuer, wie sie anfangs gedacht hatten.

2 Comments

  1. Carmen
    Carmen 22. Mai 2023

    Na klar, typisch – leere Regale und Lebensmittelmarken. Und Geldtauschen auf der Straße geht in diesen Ländern immer mit Gewinn für beide Seiten!

  2. Petra Rohrer
    Petra Rohrer 25. Mai 2023

    Oh Mann, da wäre ich ja viel viiiieeel zu pessimistisch. So viel Abenteuer würde ich mich dann doch nicht trauen.
    Respekt für euren Mut!

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