Der Junge und das Mädchen wollten sich einmal in ihrem Leben wie ein Prinz und eine Prinzessin fühlen. Nur wie sollten sie das anstellen? Eines Tages kam ihnen eine Idee: Im sagenumwobenen Schottland gab es so viele Schlösser. Wieso sollten sie nicht auch mal in einem wohnen? Zumindest für eine Nacht.
Und so war der Entschluss gefasst: Sie suchten sich ein Schloss, das Gäste beherbergte. Bei ihrer Ankunft wurde ihnen vom Schlossdiener allerdings nicht wie erwartet ihre Gemächer gezeigt. Sie mussten sich selbst ihren Weg dorthin bahnen. Aber das sollte nicht zum Hindernis werden.
Tatsächlich erreichten sie nach kurzer Zeit ihre Gemächer – oder wir sollten besser sagen „ihr Gemach“. Ein Zimmer, das ihren Ansprüchen gerecht wurde. Sie verbrachten eine schöne Zeit dort und genossen die Zeit, die sie in den Räumlichkeiten verbrachten. Das hatten sie sich doch schließlich auch verdient!

Am nächsten Morgen kurz vor acht erwachte der Junge von einem sanften aber hartnäckigen Klopfen. Es dauerte einen Moment bis er verstand, dass es von ihrer eigenen Tür kam. Er stolperte aus den weichen Laken und öffnete die Tür einen Spalt. Vor dem Zimmer stand die Empfangsdame mit einem peinlich berührten Lächeln und frage: „Gehört die Kutsche mit dem Kennzeichen XY euch beiden?“ (Sie hatten bei ihrer Ankunft nämlich ihr Kennzeichen bereits angegeben). Als er nickte, entschuldigte sie sich und fragte, ob er das Fahrzeug in den nächsten Minuten an einen anderen Ort fahren könnte, da ein Lieferant vor der Einfahrt stand und nicht an der besagten Kutsche vorbeikam. Kein Problem sagte der Junge und zog sich etwas über. Tatsächlich stand vor ihrer Kutsche ein großer Wagen mit breiter Ladefläche. Der Junge fand schnell einen neuen Platz für ihre Kutsche und das auch noch direkt vor ihrem Zimmerfenster! Das brachte ihn auf die Idee, wie sie bei der Abreise mit ihren Koffern nicht durch das komplette Schloss gehen mussten. Ein Hofdiener, der ihnen ihre Koffer trug, war nämlich scheinbar gerade nicht zu Stelle.
Nachdem die beiden sich gewaschen und ihre Koffer gepackt hatten, ging der Junge wieder nach draußen, klopfte ans Fenster und rief: “Rapunzel, Rapunzel, lass deine Koffer herab!”
Das Mädchen lachte und öffnete das Fenster. Es war nicht sehr hoch. Wahrscheinlich gerade einmal einen Meter vom Boden entfernt. Alles von dort aus in die Kutsche zu laden, sollte also kein Problem darstellen.
Sie hob das erste Gepäckstück über den Rahmen. Es wurde sicher von der anderen Seite entgegen genommen und die Kutsche damit beladen.
„So einfach!“, lachte das Mädchen und der Junge stimmte mit zu.
Ein Gepäckstück nach dem anderen fand seinen Weg nach draußen. Bis es zur letzten Tasche ging. Das Mädchen machte das Fenster ein wenig weiter auf, um die letzte Tasche herunter zu geben, da passierte es.
Ein Luftschnappen folgte auf unvergleichliches Knacken. Gerade noch so konnte das Mädchen einen Unfall verhindern und ihren Fuß in Sicherheit bringen. Mit einem lauten „Klong“ fiel das Fenster samt Fenstergriff und Gardine vor ihr auf den Boden.

Sie starrte es geschockt an.
Der nächste Blick galt dem Jungen, der sie durch das Loch in der Wand entgeistert ansah. „Wir waren so gut wie weg!“, entfuhr es ihm.
Aber seine Stimme war nicht die einzige. Hinter sich hörte sie ein „Oh Gott“, was das Mädchen dazu veranlasste, sich umzudrehen. Dort stand eines der Hausmädchen in der mittlerweile offenen Tür und sah sich das Debakel an. Nur um zwei Sekunden später wieder die Tür zu schließen – ganz so als könnte sie dadurch vergessen, was sie eben gesehen hatte.
Das Mädchen wandte sich erneut dem Jungen zu. Dann sah sie das Fenster an. Und fing an zu lachen.
Sie waren so gut wie weg gewesen!! Doch nun mussten sie wohl noch etwas beichten gehen.
Das Holz vom Fensterrahmen hatte scheinbar nachgegeben und das Gewicht nicht mehr tragen können.
Sie schnappte sich die restlichen Sachen sowie den Schlüssel und machte sich auf den Weg zur Empfangsdame. Den Jungen traf sie dort ebenfalls.
Das Herz des Mädchens klopfte. Wie sollte sie DAS denn bitte erklären? Und welche Kosten würden da wohl noch auf sie zukommen? Ein ganzes Fenster war ihr entgegen gefallen und das Zimmer würde mit Sicherheit in der nächsten Nacht nicht vermietet werden können.
Ein wenig peinlich berührt, schob sie der Empfangsdame den Schlüssel zu und sagte: „Wir haben eben das Fenster aufgemacht und da ist es aus den Angeln gefallen.“ Warum drum herum reden, wenn die Wahrheit die schnellste und einfachste Methode war? Es war ja auch die Wahrheit! Sie hatten nichts getan außer das Fenster geöffnet!
Die Dame sah sie kurz an, nahm den Schlüssel und sagte nur verständnisvoll: „Wir werden es uns ansehen.“
Nachdem sie keine Anstalten machte, es sich jetzt anzusehen, nickten der Junge und das Mädchen stumm.
War es das gewesen? Konnten sie jetzt einfach so gehen? Ohne weitere Konsequenzen?
Die beiden bedankten sich noch einmal und drehten sich dann um. Ihre Schritte versuchten sie so ruhig wie möglich zu halten, dabei wollten sie einfach nur so schnell wie möglich weg. Ohne weiter groß zu verweilen, sprangen sie in ihre Kutsche und fuhren los. Dem Schloss kehrten sie den Rücken und, obwohl es ihnen gut gefallen hatte, würden sie wohl so schnell nicht mehr zurückkommen.

Na, das nenne ich mal eine „geordnete Flucht“.