Wir haben bereits das Mädchen, das ein Jahr in fernen Ländern leben wollte, kennengelernt. Sie liebte Onsen, japanische heiße Quellen, und wollte deshalb mit ihrem Freund einen Zwischenstopp in der Stadt Beppu machen – der Onsenstadt Japans.
Nach einem langen Spaziergang durch die Stadt und einem halbstündigen Anstieg einen Berg hinauf kamen sie schließlich in dem Onsen ihrer Wahl an.
Hier trennten sich schließlich ihre Wege, denn Onsen werden im Normalfall von Frauen und Männern getrennt besucht, da keine Badekleidung getragen wird. Eine Uhrzeit wurde bestimmt, wann sie sich wiedersehen sollten und so gingen sie ihres Weges in die verschiedenen zugewiesenen Stockwerke.
Das Mädchen wusch sich im Waschbereich mit Duschkopf, Shampoo und Duschgel ausgiebig, bevor sie sauber in das Wasser der heißen Quelle stieg. Ihre Haare band sie hoch, sodass sie nicht ins Wasser hingen. Ihren Verlobungsring hatte sie vergessen abzunehmen, aber den würde sie sicherlich nicht verlieren, also beließ sie es dabei. Ihr zum Waschen genutztes Handtuch ließ sie im Waschbereich liegen, denn schon wurde sie von einer japanischen Frau angesprochen, die es wohl gar nicht erwarten konnte, sich mit der Ausländerin zu unterhalten.
Das Mädchen vergaß die Zeit über all die Gesprächsthemen und als sich die Frau verabschiedete, wechselte auch das Mädchen in eines der anderen fünf Becken. Als sie dort so saß und sich entspannt umsah, fiel ihr Blick auch zufällig auf ihre Hände.
Einen kleinen Moment schien ihr Herz auszusetzen. Nein, ihr Ring war nicht verschwunden. Aber wo einst Silber am Finger war, war jetzt ein fast schwarzes Schmuckstück.
Die Erkenntnis sickerte ziemlich schnell durch: Das Silber hatte mit dem Schwefel reagiert und ihrem Ring einen völlig neuen Anstrich verpasst!
Das war allerdings das Einzige, wofür ihre eher schlechte als rechte Chemienote im Unterricht ein halbes Leben zuvor reichte.
War es abzuwischen?
Nein. Zumindest nicht mit dem Finger.
Mit dem Handtuch?
Sie stieg aus dem Wasser und machte einen Ausflug zu ihrem Spind, aber auch mit dem Handtuch rubbeln half nicht.
Nun denn. Der Ring wurde im Locker verstaut. Da hatte sie ihrem Freund wohl später etwas zu beichten…
Nach 1,5 Stunden im Onsen beendete sie den Badespaß und ging in den Ruhebereich, um auf ihren Freund zu warten.
Genau betrachtet… Auch wenn sie Silber präferierte… So schlecht sah die neue Farbe des Rings eigentlich gar nicht aus…
Ein Geständnis und eine Google-Suche später nahm sie sich vor, das Schmuckstück bei nächster Gelegenheit in ein Salzwasserbad zu legen, um sein ursprüngliches Aussehen wiederherzustellen.
An diesem Tag hatte sie viel über chemische Reaktionen gelernt. Manche Dinge merkte man sich eben doch besser, wenn sie einem selbst passieren.


Übrigens: Etwa eine Woche später hatte der Ring von selbst entschieden, wieder seine ursprüngliche Farbe anzunehmen!
