Diese Geschichte beginnt nicht an dem Tag, an dem das Mädchen und der Junge vom weit entfernten Mittelamerika nach Europa aufbrachen. Nein. Sie beginnt an einem völlig normalen Tag Anfang März in Nordamerika. Das Mädchen forschte ein paar Dinge auf ihrem mobilen Endgerät nach, als ein Satz ihre Aufmerksamkeit und auch ein wenig ihre Achtung auf sich zog: „Ich habe ein 120 Jahre altes Segelboot gekauft und segle dieses Jahr von Dänemark nach Griechenland. Wer will mit?“ So oder so ähnlich hatte ein Bekannter von ihr geschrieben.
Sonderlich gut kannte sie ihn eigentlich gar nicht, aber sie hatte vergangenen Sommer ein paar Tage zusammen mit ihm und anderen ein Schloss im europäischen Tschechien gemietet und dort recht viel Zeit miteinander verbracht. Dass er die Schifffahrt liebte, hatte sie damals schon herausgefunden.
Doch weil Segeln in Europa überhaupt nicht zur Debatte stand („Das würde ja den ganzen Plan völlig durcheinanderwerfen…“), lächelte sie kurz und schloss die Mitteilung wieder.
Einige Tage vergingen. Als das Thema erneut auf ihrem mobilen Endgerät erschien, sagte sie nebenbei zum Jungen: „Ein Bekannter von mir segelt von Dänemark nach Griechenland dieses Jahr.“
Er: „Wow! Klingt toll!“
Sie: „Ja, oder?“
Er: „Sowas wär auch mal cool…“
Sie: „Total. Blöd, dass es für uns nicht passt.“
Er: „Ja, sonst könnten wir ja mit!“
Sie: „Genau, hahahaha.“
Er: „Hahahaha.“
Das Lachen verebbte.
Stille.
Sie sahen sich an.
„… Wann wäre das denn….??“
Und so nahm das Chaos seinen Lauf.
„Es steht doch gar nicht auf unserem Reiseplan.“
„Wir haben keine Segelerfahrung! Keiner von uns hat mehr als zwei Nächte am Stück auf einem Schiff verbracht!“
„Was sollen wir denn anziehen?! Wir haben doch nur Sommerkleidung dabei!“
„Ich kenne eine einzige Person von denen, die mitgeht. Und dann sind wir da zwei Wochen mit denen allein auf einem Schiff…“
„Es steht doch gar nicht auf unserem Reiseplan!!“
Das waren die Sätze, mit denen sie sich immer wieder gegenseitig an die Gegenargumente erinnerten. Am Ende gab es aber eine einzige Frage, die alle Gegenargumente ausschaltete. Die gleiche Frage, die sie auch überhaupt erst zu ihrem Aufbruch in die vielen Länder dieser Welt gebracht hatte.
Wahrscheinlich war dieses Segelabenteuer das größte „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ ihrer Reise. Es war so ungeplant, aber eine so einmalige Chance. Je mehr sie darüber nachdachten, desto mehr stellte sich für sie heraus, dass sie das Wagnis eingehen wollten und dass es doch gar nicht so unmöglich war, wie sie sich anfangs eingeredet hatten. Wahrscheinlich war es für sie, mit einem Jahr Freiheit, möglicher als für die meisten anderen Menschen. Und sie konnten ihre Ziele umplanen. Sie konnten sich diese Freiheit herausnehmen.
Die komplette Segelreise sollte im April in Dänemark beginnen und den Sommer über nach Griechenland führen. Der Bekannte, nennen wir ihn „den Segler“, bot ihnen an, zu jeder beliebigen Etappe zusteigen zu können. Für sie kam allerdings nur der Frühling infrage, denn ab Mitte/Ende Mai wollten sie wieder im fernen Osten sein. Es wäre also die Zeit zwischen Mittelamerika, Anfang Mai, und dem fernen Osten, spätestens Ende Mai.
Es kristallisierte sich eine Etappe heraus, die für sie, mit ein wenig Umplanen, möglich sein könnte: von Mitte Mai, Norwegen, bis Ende Mai, Schottland.
Noch am gleichen Abend, an dem sie den Entschluss gefasst hatten, dass es eben nicht unmöglich war, kontaktierte das Mädchen ihren Bekannten. „Nur mal so aus Interesse!“
Sie stellte die Fragen, die wichtig waren: Wann, wo und wie viel. Natürlich war es auch eine finanzielle Frage, aber der Junge und das Mädchen wussten tief im Innern: Eigentlich hatten sie ihren Entschluss schon gefasst.
Da der Segler aber mit der Instandsetzung des 120 Jahre alten Segelschiffs viel zu tun hatte, dauerte es etwa einen Monat, bis sie letztendlich Antworten auf ihre Fragen bekamen. Die Uhr tickte. Es war eineinhalb Monate vor ihrer möglichen Etappe und einen Monat bevor sie spätestens das Flugticket kaufen mussten. Seine Antworten klangen gut, also entschieden sich der Junge und das Mädchen dazu, dem zuzustimmen. Nur mit dem Datum und dem Einstiegsort gab es noch ein wenig Probleme, denn ganz sicher, wann das Schiff in Norwegen ankommen würde, waren sie sich noch nicht. Also warteten sie noch eine Weile, bis sie den Flug buchten.
Und sie konnten von Glück reden, dass sie gewartet hatten. Es war etwa ein Monat später, dass er sie erneut kontaktierte. „Wir haben ein Problem.“
„Welches?“
„Wir haben ja einen Hund dabei. Aber diese Hunderasse darf in Norwegen – als einziges Land der Welt – nicht einreisen.“
Es sollte also alles am Hund scheitern? Das durfte nicht sein!!
Würden sie jetzt doch nicht die Schiffsreise antreten können, auf die sie sich mittlerweile so gefreut hatten?
Bald stellte sich aber heraus, dass das Segelschiff dennoch segeln würde. Allerdings nicht über Norwegen. Ihnen lief allmählich die Zeit davon. In einer Woche mussten sie unter allen Umständen ihren Flug buchen, sonst würden sie nicht in ihr nächstes Land einreisen können. Der Segler versuchte noch eine Sondergenehmigung zu bekommen, aber es war alles umsonst. Die Zeit und Bürokratie des norwegischen Landes machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.
„Wir fahren auf jeden Fall!“, meinte der Segler.
Auch das Datum blieb gleich, allerdings wurde jetzt nicht von Norwegen, sondern von England aus gesegelt.
„Die Küste rauf und dann mal sehen, wie weit wir es in den Norden schaffen. Und dann nach Schottland.“
Es war also entschieden. Und jetzt mussten der Junge und das Mädchen dringend einen Flug buchen! Sie hatten nur noch drei Tage Zeit! Und einen Flug zu finden, stellte sich nicht gerade als einfach heraus.
Das Problem: Sie konnten nicht über den Großteil Nordamerikas fliegen, da sie mit ihrer vorigen Reise nach Kuba ihr Recht auf die Einreise ohne spezielle Einreisegenehmigung verspielt hatten. Selbst ein kurzer Zwischenstopp für den Umstieg war nicht mehr möglich. Und die Beantragung einer solchen Einreisegenehmigung während sie reisten war zu kompliziert. Sie benötigten also einen Flug, der sie anderweitig auf den großen europäischen Kontinent brachte.
„Und wie viele Flüge von Kuba gehen eigentlich nach… ähm… Newcastle upon Tyre?“, stellten sich die beiden plötzlich die Frage. Natürlich war die Antwort: Keiner.
Doch dann plötzlich: „Es fliegt was für kleines Geld über die spanische Hauptstadt und die Lieblingsurlaubsinsel der Deutschen!“ Der Junge deutete auf die Informationsseite, die sich vor ihnen auftat.
„Buchen!!“, rief das Mädchen.
Die Zeiten passten. Sie hatten auf der Urlaubsinsel zwar nur eine Umstiegszeit von einer Stunde und zwanzig Minuten, aber das würden sie schaffen. Knapp, aber machbar.
In der Tat buchten sie. Und hatten damit ihr Schicksal besiegelt.
Denn nur ein paar Stunden später fiel ihnen auf, dass ihr Gepäck jedes Mal neu abgeholt und abgegeben werden musste. Auch auf der Urlaubsinsel. Wo sie eine Stunde und zwanzig Minuten Zeit hatten – wenn alles pünktlich wäre.
„Wie kann man nur so dumm sein“, ärgerte sich das Mädchen über sich.
„Vielleicht schaffen wir es ja…“, versuchte der Junge ihre Hoffnung am Leben zu erhalten.
Aber nach weiterer Nachforschung wurde diese immer geringer. Ein Freund des Jungen, der früher einmal für die Postkutsche Ryanair gearbeitet hatte, schätzte ihre Chancen auf 20%, dass sie all ihre Flüge erreichen würden.
Und so fiel ihre Hoffnung auf 20%. Und sank mit jeder Minute weiter.
Eine Nacht schliefen sie darüber, aber das Mädchen träumte sogar davon. Auch der Junge machte sich immer weiter Gedanken. Und nach einer Stadtführung, in der ihre Gedanken immer wieder von der Stadt, die sie sich gerade ansahen, abschweifte, war der Entschluss gefasst, der noch am Morgen verworfen worden war: „Wir brauchen einen neuen Flug.“
Sie sprachen von Glück im Unglück, als sie einen für recht geringes Geld fanden. Er würde ihren letzten Flug von der Urlaubsinsel nach Newcastle ersetzen, stattdessen eine Nacht am Landeplatz der Luftschiffe verbringen und erst am nächsten Morgen fliegen. Der alte Flug, der allerdings auch recht günstig gewesen war, ließ sich natürlich nicht stornieren, doch es ging nicht anders. Besser jetzt für billig eine Alternative buchen, statt dann an entsprechendem Tag im Chaos einen überteuerten Flug nehmen müssen – wenn sie überhaupt einen finden würden. Und das Schiff konnte nicht ewig auf sie warten.
Nachdem sie den neuen Flug gebucht hatten, fiel ein großer Stein von ihnen ab.
Sie würden rechtzeitig ankommen. Mit Sicherheit.
„Wir gehen segeln!!“, freute sich der Junge.
„Solang wir noch nicht auf dem Boot sitzen, glaube ich nicht dran“, widersprach das Mädchen, doch insgeheim freute sie sich auch.
So flogen sie also erst einmal ins ferne Kuba, wo ihnen ihre mobilen Endgeräte kaum etwas brachten, denn dort mit der Außenwelt Kontakt zu halten war nur spärlich möglich. Es war letztendlich nicht einmal eine Woche vor ihrem großen Segelabenteuer, als eine Nachricht aus der Außenwelt alles veränderte.
„Wir haben Katastrophen-Sitzung.“ Der Segler.
„Warum?“ Das Mädchen.
„Geplante Reparaturen in England können nicht gemacht werden.“ Der Segler wieder.
„Und jetzt?“ Das Mädchen wohlwissend, was kommen würde.
„Wir müssen euch absagen.“
Und da war er dahin. Der Traum vom Segeln.
Alles umsonst. All die Freude. All die Planung. All das Verschieben weiterer Ziele.
Mit einer Nachricht war alles dahin.
Sie waren traurig, denn sie hatten sich wirklich sehr auf das Abenteuer gefreut. Allerdings wussten sie auch, dass sie keine Zeit hatten, sich in Taurigkeit zu vergraben.
In dem Moment, in dem sich das Segelabenteuer in Luft auflöste, war ihnen bewusst, dass sie mit der Zeit etwas anderes anfangen mussten. Und die Zeit, um Vorkehrungen zu treffen, lief schneller ab als ihnen lieb war.
Und einen winzigen Lichtblick gab es: Das Schiff würde segeln. Noch in jenem Jahr. Wann genau und wohin war ungewiss, doch vielleicht würde sich ja doch noch die Möglichkeit ergeben, den Traum vom Segeln wahrwerden zu lassen.

Beim Lesen verkrampft sich mein Magen richtig – so habe ich mitgefiebert.