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Es war einmal… Jerry der Simulant?

Im sonnigen Florida liehen sich der Junge und das Mädchen bei 30 Grad im Februar ein Auto aus. Jerry Gonzales sollte ihnen auf der großen Reise in den Westen ein treuer Begleiter sein. Er gab immer sein Bestes und die beiden hatten kaum etwas an ihm auszusetzen („Das sind aber viele Kratzer…“, „Der Seitenspiegel ist aufgeplatzt!“, „Der Beifahrersitz ist so tief, ich kann kaum übers Armaturenbrett gucken!“, „Der Rückbank lässt sich zum Schlafen nicht gerade machen.“, „Der Scheibenwischer macht Schlieren unter aller Sau.“) – bis kurz hinter Dallas plötzlich ein alarmierender Warnton Schlimmstes vermuten ließ.

„Druckverlust im linken hinteren Reifen“, erklärte Jerry über die Instrumentenanzeige, über die er auch sonst immer mit dem Jungen und dem Mädchen kommunizierte.

Die beiden sahen sich panisch an.
„Haben wir etwa einen Platten?“, warf der Junge in die Runde.
Aber Jerry schwieg. Er beharrte nur auf einem Warnsymbol auf der Anzeige.
„Fährt es sich anders?“, fragte er das Mädchen, das am Steuer saß.
Das Mädchen schüttelte mit dem Kopf. Alles war wie immer.

Bei der nächsten Tankstelle fuhren sie trotzdem raus und suchten sich ein Gerät, mit dem sie den Druck der Reifen messen und korrigieren konnten. Aber eigentlich schien alles in Ordnung. Was also war Jerrys Problem?

Sie setzten die Warnung wieder zurück und fuhren weiter.

Bei Carlsbad kamen der Junge und das Mädchen bei einem netten Mann namens Tom unter. Sie freuten sich sehr, dass Tom und Jerry, wenn auch nur für ein paar Tage, endlich vereint waren. Mit Tom fuhren sie auch durch ein winterliches Gebiet, das Schnee hatte. Sie wiesen ihn darauf hin, dass Jerry klein und leicht war und die Reifen nur für den Sommer ausgelegt. Doch Tom winkte ab. „Er schafft das! Fahrt nur nicht zu langsam!“ Also hörten sie auf ihn und tatsächlich schaffte Jerry den vereisten kleinen Hügel nach oben. Er war also doch stärker als sie manchmal dachten!

Nachdem sie sich von Tom verabschiedet hatten, fuhren sie mit Jerry weiter gen Westen. Da passierte es wieder. Der Warnton. Der Reifendruck. Es begann alles von Neuem.
„Was, wenn es nur ein Fehler im System ist?“, meinte das Mädchen. Das System machte schließlich auch mal Fehler.
Sie einigten sich darauf, den Reifen im Blick zu behalten, den Alarm erneut zurückzusetzen, aber nicht noch einmal den Druck neu zu messen.

Weiter ging die Fahrt. Vorerst lief alles gut, aber irgendwann fiel ihnen auf, dass sich der Kofferraum nicht mehr korrekt offen halten ließ, sobald Jerry auf nur der kleinsten Steigung stand. Viele Kopfstöße später gewöhnten sie sich an diese kleine Alterserscheinung, wenn auch widerwillig.

Alles wäre gut gewesen, wenn es doch nur dabei geblieben wäre. Das Reifendruck-Problem tauchte erneut auf und zu ihm gesellte sich ein weiterer Warnton. Die Batterie des Autoschlüssels müsse gewechselt werden. Wieso sollten die beiden das tun?? Das war doch gar nicht ihre Aufgabe! Das Problem wurde also gekonnt ignoriert.
Der Reifendruck wurde allerdings ein weiteres Mal überprüft. Und diesmal hatte Jerry auch wirklich Grund zu meckern. Es schien so, als würde mit dem Reifen tatsächlich etwas nicht so ganz zu stimmen. Hatten sie eigentlich ein Ersatzrad im Kofferraum? Das viele Gepäck hielt sie aber davon ab, unter dem Kofferraum-Boden nachzusehen.

Die Räder brachten noch ein weiteres Problem mit sich, als der Junge und das Mädchen im Bryce Canyon in eine mehr als verschneite Gegend gerieten. Um einen Wanderweg auszuprobieren, entschieden sie, Jerry auf einem ungeräumten Parkplatz eine Pause zu gönnen. Doch es sollte weder für Jerry noch für sie selbst eine Pause sein.
Jerrys Reifen stammten aus dem sonnigen Florida, das selten eine Schneeflocke zu Gesicht bekam. Kein Wunder also, dass der flotte Flitzer wahrscheinlich selbst noch nie eine Schneeflocke gesehen hatte. Wie kamen der Junge und das Mädchen nur auf die dumme Idee, Jerry Schnee näher bringen zu wollen?
„Bloß nicht stehenbleiben!“, merkte der Junge noch an, aber da war es eigentlich auch schon zu spät.
Sie spürten, wie die Reifen durchdrehten und schon kamen sie nicht mehr vom Fleck.

Ein Fluch später stiegen sie aus dem Gefährt und sahen sich das Dilemma an: Die Reifen steckten fest. Teilweise in matschigem Schnee, teilweise auf Eis. Es ging weder vor noch zurück. Auch schieben half nichts.
Also suchten sie sich einen Baumstamm und versuchten so gut es möglich war, den Weg vor den Reifen freizuräumen.

Der Junge und Jerry versuchten es erneut, während das Mädchen sich ans Anschieben machte. Nach unzähligen Versuchen und mit nassen Schuhen standen sie endlich wieder auf der schneefreien Ausfahrt des Parkplatzes. Sie hatten es schon selbst kaum geglaubt und sich am Straßenrand um Hilfe betteln sehen.
Alle drei waren ausgelaugt. Und sie hatten eine Lektion gelernt: Jerry war kein Freund von Winterwetter.

Aber Jerry war scheinbar ein riesiger Freund von Öl. Denn erstens erinnerte er die beiden daran, in Kürze zur Inspektion und zum Ölwechsel zu müssen und kurze Zeit später ermahnte er sie außerdem, dass sein Ölstand geprüft werden müsste. Sie taten es. Zumindest den Ölstand prüfen. Und in der Tat hatte Jerry allen Grund zu meckern. Er benötigte offenbar mehr Motoröl. Das schien er zu fressen wie nichts anderes. Also gingen der Junge und das Mädchen Motoröl kaufen. Sie fütterten Jerry mit dem frischen Schmierstoff und das schien ihm auch geschmeckt zu haben. Den Ölwechsel wollte er natürlich immer noch, aber damit konnten die beiden erstmal nicht dienen.

Auch der Reifendruck wurde wieder zum Problem. Insgesamt versuchten sie das Problem fünf Mal zu lösen. Je mehr Tage vergingen, desto mehr hofften sie zumindest, dass sie Jerry in gutbehütete Hände zurückgeben konnten, ohne dass sie irgendwo mit einem Platten liegenblieben.

Kurz vor Ende fanden sie übrigens heraus, dass sie keinen Ersatzreifen, dafür aber ein Gerät zum Korrigieren des Reifendrucks mit im Wagen hatten. Und dabei hatten sie mehrfach zuvor an Tankstellen für die Benutzung eines solchen Geräts bezahlt – überflüssigerweise.

Und sie hatten tatsächlich Glück: Anfang April war es soweit: Der Weg von Jerry und dem Jungen und dem Mädchen sollte sich trennen. Der Reifen war aufgepumpt, Motoröl nachgefüllt, Benzin nachgetankt und Jerry in seinen (fast) ursprünglichen Zustand (mit 13.000 km mehr auf dem Buckel) zurückversetzt. Einmal sagten sie noch kurz Lebewohl, bevor eine Autovermietungs-Dame sie mit „Nehmen Sie sich die Zeit, die sie brauchen“ und gleichzeitigen hektischen, vom Auto wegscheuchenden Bewegungen von Jerry trennte. Sie würden ihn wohl nie wieder sehen. Und ganz sicher, dass er in seinem Zustand überhaupt noch einen Mieter sehen würde, waren sie sich auch nicht. Doch sie hatten eine schöne, ereignis- (und manchmal auch sorgen-)reiche Zeit mit ihm verbracht.

Jerry Gonzales hatte getan was er konnte und dafür waren ihm das Mädchen und der Junge sehr dankbar.

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